Ausstellung und multimediale Installation

In einem Aufruf »An meine Freunde, die Künstler« in der deutschen Exilzeitschrift Das Buch schrieb der belgische Künstler Frans Masereel kurz nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs im November 1939: »Wir haben nicht das Recht zu schweigen, noch indifferent zu sein gegenüber dem, was rings um uns geschieht.« Der Kampf gegen den Krieg, der unermüdliche Einsatz für Freiheit, Frieden und soziale Gerechtigkeit bestimmten zu diesem Zeitpunkt bereits nahezu ein Vierteljahrhundert lang Leben und Arbeit des Künstlers. Bis an sein Lebensende sollte Masereel, der von 1947 bis 1951 an der Schule für Kunst und Handwerk in Saarbrücken Malerei lehrte, nicht müde werden, mit Holzschnitten, Zeichnungen, Aquarellen und Gemälden gegen Gewalt und Ungleichheit zu wirken.

 

1920 publizierten René Arcos und Masereel in ihrem Verlag »Éditions du Sablier« den Band Les Poètes contre la guerre, eine Anthologie mit Antikriegsgedichten französischer Dichter. Unter dieser Überschrift erinnern wir an Masereels engen Kontakt zu gleichgesinnten Dichtern und Schriftstellern und ihr künstlerisches und politisches Selbstverständnis als Teil einer internationalen Bewegung. Masereel und seine Zeitgenossen haben ihre im Widerstand gegen den Ersten Weltkrieg entwickelten pazifistischen Positionen immer wieder hinterfragt, vor allem unter dem Eindruck des Dritten Reiches. Trotzdem steht der Titel Dichter gegen den Krieg bis heute für das Festhalten an der Möglichkeit friedlicher Konfliktlösungen, für einen »Möglichkeits-Realismus« (Ernst Bloch), der sich das Recht auf Utopien nicht durch Politiken der Alternativlosigkeit absprechen lässt.

 

Die Bildwelten, die das »unendliche Auge« (Stefan Zweig) Masereels schuf, sind modular, kombinieren bestimmte Motive und Themen und lassen sich dennoch in immer wieder neuen Architekturen zusammensetzen. Die multimediale Installation greift diese Modernität ebenso auf wie Masereels Experimente im Bereich der Bühnengestaltung und des Films und verknüpft sie mit der Allgegenwart des Krieges in unserer Gesellschaft. Masereel war zwischen 

 

Die interaktive Ausstellung, eine Kooperation der Frans-Masereel-Stiftung und des xm:lab mit dem Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes sowie weiteren Partner in der Großregion, verbindet mehrere Präsentationsformen:

  • Großformatige Präsentationstafeln kombinieren Grafiken Masereels mit zweisprachigen Werkauszügen und Kurzbiografien der Künstlerinnen und Künstler aus dem internationalen Anti-Kriegsnetzwerk um Masereel. Sie bieten so einen Zugang zur Bildwelt Masereels sowie zum internationalen kulturellen, politischen und sozialen Kontext seiner Arbeiten.
  • Zentrale Schnittstelle für die Interaktion mit den Inhalten der Ausstellung ist der Stadtbaukasten. Die Bewegung der Spielsteine durch die Besucher/innen wird erfasst und triggert so die Erschaffung einer Bildwelt, in der Elemente aus Masereels Werk neu zusammengesetzt werden. Dieser Prozess kann als Projektion im Innenraum (sowie auf der Medienfassade) verfolgt werden. Innen ist diese Welt aus der Vogelperspektive zu sehen, außen in einer an die Architektur der Fassade angepassten Darstellung.
  • Eine Projektion der animierten Bilderzählung Die Idee von 1932 erinnert an die Kooperation Masereels mit dem Filmemacher Berthold Bartosch. Die Musik, einer der ersten elektronischen Filmmusiken, wurde von Arthur Honegger komponiert.
  • Über eine Monitor-Installation wird eine Digitalfassung der Publikation Frans Masereel: Wir haben nicht das Recht zu schweigen - Les Poètes contre la guerre zugänglich und als Film erlebbar gemacht.
  • Die in der Großstadtsymphonie - Interaktives Filmarchiv als Projektion sichtbare dreidimensionale Stadtansicht erweitert Masereels Blick auf die Stadtarchitektur seiner Zeit. Einzelne Hausfassaden sind mit Beispielen sogenannter »Stadtsymphonien« verknüpft, einem eigenen Filmgenre, das eine Vielzahl zeitgenössischer Versuche umfasst, die Dynamik moderner Metropolen im Film einzufangen. Eine intuitive Gestensteuerung ermöglicht Besucher/innen die spielerische Erfahrung des Stadtraums und den Vergleich verschiedenster Wahrnehmungen des urbanen Geschehens.

 

Heute leben wir mit der Gleichzeitigkeit des Kriegsspiels als zentraler Freizeitaktivität (etwa im Computerspiel) und der schier endlosen Verkettung bürgerkriegsähnlicher Konflikte, die in einem grenzüberschreitenden Gewaltgeschehen miteinander verwoben sind und damit gleichzeitig fern und Teil unseres Alltags sind.

 

Die Ausstellung bietet einen spielbasierten Zugang zu den Bildwelten Masereels, um die Frage nach den von ihm imaginierten sozialen und politischen Räumen direkt zu verbinden mit der Frage nach den Spielräumen, die durch seine Arbeiten aufgezeigt oder geschaffen werden. Welche Spielräume können engagierte Darstellungsformen in Kunst und Journalismus erschliessen, welche Handlungsmöglicheiten eröffnen? Die Ausstellung kann diese Frage nicht beantworten, sie greift sie auf – als Spiel.

 

Standorte der internationale Ausstellungsreihe, Teil der mehrjährigen Programmreihe »Courage« des Ministeriums für Bildung und Kultur des Saarlandes, sind neben der Galerie der HBKsaar weitere Museen in Belgien, Frankreich und Luxemburg, in denen die Ausstellungsinhalte immer wieder neu mit ortsspezifischen Formen der Installation kombiniert werden. Ergebnisse und Erweiterungen werden dokumentiert und in einer Abschlußausstellung im Saarland präsentiert.