Die Tempelgräber von Kaunos


Die Tempelgräber von Kaunos

Im antiken Kleinasien, dem Gebiet der heutigen Türkei, gab es eine lange Tradition, die Toten in Felsgräbern zu bestatten. Gemeinsam war diesen Gräbern, dass sie in den Felsen hineingeschlagen wurden, je nach Region und Epoche variierte jedoch ihre Größe und Form.

Besonders aufwendige Felsgräber finden sich in der südwestlichen Küstenregion der heutigen Türkei, in den antiken Landschaften Lykien und Karien. Die Felsgräber zeichnen sich durch ihre monumentale Größe und die aufwendigen Fassaden aus, die der griechischen Tempelarchitektur entlehnt sind.  Die wichtigsten Beispiele dieser sog. Tempelgräber konzentrieren sich in der antiken Stadt Kaunos (dem heutigen Touristenort Dalyan). Sie entstanden überwiegend im 4. Jh. v. Chr., in einer Zeit, in der die Stadt Kaunos aufblühte und einen städtischen Charakter erhielt. Die Tempelgräber zeugen von diesem Aufschwung und belegen die Existenz einer sehr wohlhabenden Herrscherclique.

Die Gräber sind in senkrechte Felswände hineingearbeitet, die sich am Nordufer des Flusses Kalbis (modern Dalyan) erheben. Sie sind wie freistehende Häuser im Felsen konzipiert, indem rings um die Grabanlage breite Korridore angelegt und die Giebeldächer vollständig aus dem Stein freigehauen wurden. Bemerkenswert sind die aufwendigen Fassaden, die wie griechische Tempel mit Säulen, Giebeldreiecken und Dachbekrönungen in Form von Palmetten erscheinen. Die Gräber waren ursprünglich bunt bemalt, so dass sie noch prächtiger erschienen und sich deutlich von der umgebenden Felswand abhoben.

Wie die Außenseite der Gräber ist auch das Innere, die eigentliche Grabkammer vollständig aus dem Felsen gehauen. Entlang der Wände der Kammern sind aus dem Felsen Bänke für die Verstorbenen herausgearbeitet, die zum Teil mit steinernen Kissen und Beinen dekoriert sind. Die Türen zu den Grabkammern ließen sich öffnen, so dass die Gräber für mehrere Bestattungen konzipiert waren und somit über einen langen Zeitraum genutzt wurden.

Damit diese prächtigen Gräber von Weitem gut sichtbar waren und ihren Repräsentationszweck voll entfalten konnten, wurden sie nicht ebenerdig, sondern in einer Höhe von bis zu 15 m oberhalb des Bodens angelegt. Somit waren sie nicht einfach zugänglich, sondern sowohl ihre Errichtung als auch das Einbringen der Verstorbenen in die Grabkammern während der Bestattungszeremonien erforderten eine spezielle Logistik wie etwa das Anbringen von Holzgerüsten. 

Die erhöhte Lage und damit verbunden die hervorragende Sichtbarkeit der Gräber verfehlt bis heute ihre Wirkung auf die vielen Touristen nicht, die die antike Stadt Kaunos jedes Jahr besuchen. Doch genau diese Lage ist auch ein Problem: denn obwohl die Gräber zu den touristischen Magneten der Region zählen, sind sie für Besucher nicht zugänglich, sondern können nur aus der Ferne betrachtet werden. Die Machart der Gräber, die feinen Details der Fassaden oder die Gestaltung der Grabkammern können den Touristen nicht vermittelt werden.

Gleichermaßen sind die Tempelgräber aber auch für die archäologische Wissenschaft unzugänglich. Zwar wurden sie in den 1960er Jahren von dem schwedischen Archäologen Paavo Roos dokumentiert und wissenschaftlich bearbeitet, doch haben sich seit dieser Zeit sowohl die Dokumentationstechniken als auch der Forschungsstand zu Tempelgräbern grundsätzlich gewandelt bzw. fortentwickelt.

Im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojektes zu den kaunischen Tempelgräbern verfolgt die archäologische Bearbeitung folgende Ziele:

1.  Eine vollständige neue Dokumentation der Tempelgräber, ihrer Fassaden, der Grabkammern und des umliegenden Felsens unter Einsatz modernster digitaler Methoden (z. B. Scanverfahren und Fotogrammetrie).

2. Auf Grundlage der neuen Dokumentation wissenschaftliche Bearbeitung der Tempelgräber unter Berücksichtigung des derzeitigen Forschungsstandes sowie Neufunden in der Umgebung von Kaunos.

3. Mit Hilfe der Dokumentation des erhaltenen Bestandes erstellen virtueller Rekonstruktionen, die die Grundlage für konservatorische und restauratorische Maßnahmen an den Gräbern bilden. 

In einer interdisziplinären und internationalen Kooperation der Klassischen Archäologie (FR Altertumswissenschaften, Universität des Saarlandes) und der Başkent Universität Ankara mit dem xm:lab der HBKsaar sollen ein Ansatz zur Erstellung umfassender Scans der Innenräume erstellt, Scans durchgeführt und darauf basierende interaktive / immersive Visualisierungen (AR/VR) entwickelt werden.

Projektmanagement in Zusammenarbeit mit der K8 Institut für strategische Ästhetik gGmbH.

Stand 05/2020:

Verzögerungen aufgrund krisenbedingter Reisebeschränkungen / Erschwerung des Austausches mit Hochschulpartnern in der Türkei. Projektentwicklung u.a. im Rahmen des Kultur-Hackathons "Coding da Vinci" und der hochschulübergreifenden Lehrveranstaltung "Datenraum Kultur".